Fragen und Antworten

Autor und Projektinitiator Stefan Weiller beantwortet Fragen zum Projekt.


Welche Rolle spielen die Interviews im Hospiz?

Die Gespräche und Begegnungen im Hospiz geben die Impulse und Motive für die Texte.


Haben die Interviewten die Texte selbst geschrieben?

Alle Texte wurden ausschließlich von mir, Stefan Weiller, geschrieben.


Handelt es sich um Wortlautinterviews?

Es handelt sich um Porträts und freie Nacherzählungen nach wahren Motiven und Ereignissen. Wie jeder Porträtist bestimme ich den Ausschnitt, wähle die Farben, setze das Licht und die Schatten, ziehe die Kontur, arrangiere den Hintergrund und bringe zu Papier (oder tippe in den Computer) wie ich die Dinge sehe, was ich sehe und was mich interessiert. Manchmal ist der Text fotografisch genau, oftmals aber auch geradezu kubistisch zergliedert oder impressionistisch verwischt, sodass sich das Bild erst im Kopf des Lesers zusammensetzen wird – und bei jedem ein bisschen ein anderes. Aber immer bleibt es die Geschichte, das Lied und der Mensch, den ich getroffen, betrachtet und erlebt habe.

 

Es gibt im Projekt keine O-Töne im eigentlichen Sinne, weil es keinerlei Aufzeichnungen der Interviews gibt. Manchmal schreibe ich Gespräche direkt nach der Begegnung auf, manchmal vergehen Wochen bis zum ersten Entwurf. Die wörtliche Rede entsteht frei aus der Erinnerung. Meine Texte sind eine belletristische Annährung an das Thema Sterben.

 

Die geschaffenen Charaktere, denen man im Buch begegnet, sind auf Grundlage meiner intensiven Recherchen und wahrer Begebenheiten entstanden .

 


Haben sich alle Geschichten und Begegnungen so zugetragen, wie es zu lesen steht?

Das Projekt und das Buch haben einen dokumentarischen Charakter, sind aber keine Dokumentationen in strengem Sinne. Ich habe alle Begegnungen so erlebt, wie ich es beschrieben habe. Hinter allen Geschichten stecken reale Menschen und echte Erlebnisse. Der Wortlaut mag von den O-Tönen abweichen. Die Essenz ist wahr und richtig. Es gab diese Menschen und Charaktere – und in den Geschichten bleiben sie lebendig.


Passen die Letzten Lieder auch in Theater, oder sind sie nur für Kirchen bestimmt? Handelt es sich bei den Aufführungen um Inszenierungen?

Die Letzten Lieder waren seit ihrer ersten Aufführung – um nichts anderes als um eine szenische Lesungen im Rahmen einer multimedialen Konzertaufführung handelte es sich von Anfang an – bereits an dreizehn verschiedenen Orten zu Gast: von der üppig dekorierten Barockkirche bis zum geradezu brutalistisch kargen Betonbau der 1960er Jahre, der kaum als Kirche zu erkennen war. Kein Raum nahm dem Projekt die Würde, die es einzig aus dem Leben und Sterben der Menschen bezieht, um die es in meinen Texten und in den Aufführungen geht. So werden auch die Letzten Liebeslieder – es handelt sich beim Projekt im Schauspielhaus um eine konzeptionelle Neuausrichtung – keinen Schaden nehmen, wenn sie an einem Theater oder in einem Konzerthaus gezeigt werden, was im Übrigen auch in anderen Städten von mir geplant ist und schon lange mein Wunsch war.

Die Interviews, die ich als Autor der Letzten Lieder mit strebenden Menschen führe und die als Grundlage für meine Texte dienen, finden nicht in einer Kirche statt, sondern in einem Hospiz, Krankenhaus oder manchmal auch bei Menschen zu Hause. Längst nicht alle Gesprächspartner sind kirchlich verbunden. Somit widerspricht es nicht den Wünschen der Menschen, die ich treffe, wenn die Letzten Liebeslieder in einem Theater erzählt und musiziert werden, oder bald als Buch publiziert werden.

 

Das Schauspielhaus Hamburg – ein wundervoller, erhaben schöner Ort – bietet dem Projekt beim Gastspiel 2017 beste Möglichkeiten, so werden etwa die Akustik und die wichtige technische Ausstattung sehr gut sein und der Bühnenraum wird meinem Konzept neue Entfaltungsmöglichkeiten erlauben.

Dennoch: Ich mag Kirchen überaus gerne! Kirchen sind so wichtig, wie auch Theater wichtig sind. Glaube und Kunst brauchen Freiheit und Räume. Und ich möchte die Orte keinesfalls gegeneinander ausspielen.

 

Als sehr regelmäßiger Gottesdienstbesucher weiß ich, dass eine beseelte Liturgie letztlich durchaus einer beseelten Inszenierung entspricht. Eine gelungene Liturgie und eine gelungene Inszenierung sind für mich Geschwister, die in einem Geiste entstanden sind und in einem Sinne wirken wollen: sie wollen Menschen berühren und für etwas Höheres öffnen, als für den Alltag und das unmittelbar Sichtbare. Das kann in einer Kirche wie in einem Theater gleichermaßen geschehen. Mitunter bietet ein Theater eine Freiheit, Brüche und Ausdrücke des Lebens zu erzählen, die manche Menschen in Kirchen verstören oder vermeintlich ihre religiösen Gefühle verletzen könnten.

 

So werden also die Letzten Lieder (und auch die Letzten Liebeslieder) nach meinem Wunsch hoffentlich noch oft in Kirchen klingen können, sich aber auch in Theatern oder Konzerthäusern entfalten dürfen – einfach überall, wo Menschen zuhören, nachempfinden, sich einlassen wollen. Die Verbindung zu Gott, so man sie sucht, ist vom Raum und baulichen Aspekten völlig unabhängig möglich. Die Letzten Lieder waren niemals eine Trauerfeier, ein Gottesdienst oder eine Art Beerdigung, die nach einem geschützten Rahmen verlangt hätte, vielmehr handelt es sich um ein sinnliches, offenes, kluges, tiefgründiges Fest des Lebens – das kann aus meiner Sicht überall würdevoll, charaktervoll und gefühlvoll gefeiert werden.

Sind die Letzten Lieder sentimental?

Und wie! Musik ist immer eine hochemotionale Angelegenheit. Das Reden über das Sterben und das zurückliegende Leben ist es auch Verklärung ist erlaubt, sofern es den Gesprächspartnern gefiel. Auch ein Identitätswechsel wurde nicht verhindert. Jeder durfte sich und sein Leben so darstellen, wie es ihm und ihr gefiel.


Warum ist in den Geschichten relativ häufig von Trennung und Scheidung die Rede?

Wer Familie hat, wird mitunter häufiger von Familienmitgliedern besucht und hat weniger Zeit für fremde Besucher. Viele interviewte Menschen lebten alleine. Manche thematisierten ihre Trennungen.


Und warum geht es so oft um das Tanzen?

Weil beim Reden über Musik der Tanz nicht mehr fern ist.


Ist die Sammlung repräsentativ für den Umgang von Menschen mit dem Sterben?

Sterben ist immer individuell. So wie das Leben. Jeder wird seinen eigenen Weg gehen. Wer zum Gespräch einlud, hatte außerdem die Kraft und die Lust, sich interviewen zu lassen. Das ist nicht repräsentativ für die Gesamtheit der Sterbenden.


Warum wird so viel gelacht?

Lachen ist ein Schutzraum, in den sich manche Menschen im Hospiz offenbar zuweilen zurückziehen – und in den sie ihre Gesprächspartner hineinnehmen. Aber längst nicht alle Menschen zeigten Humor. Es gibt viele Begegnungen und Geschichten, die sehr ernst verliefen.


Warum sind die Geschichten unterschiedlich kurz?

Weil die Begegnungen unterschiedlich lang waren. Von fünf Minuten bis über vier Stunden. Die Dauer richtete sich ganz nach der Kondition der interviewten Menschen. Außerdem erzählt eine kurze Geschichte mitunter mehr als manche wortreiche Schilderung es könnte.


Viele Texte sind aber extrem kurz. Reicht das wirklich für ein Bild dieses Menschen?

Kein Text – und sei er noch so lang – reicht jemals, um die Erfahrungen eines ganzen Lebens zu beschreiben. Alles bleibt Fragment. Im Buch versammeln sich Mosaiksteine.


Will das Buch zu den Letzten Liedern ein Ratgeber sein?

Ja und Nein. Das Buch wird keines der Probleme seiner Leser lösen.

Wer  Tipps und Lebensweisheiten, die in dem Buch zu finden sind, umsetzt, dessen Leben dürfte sich dennoch radikal verändern. Empfehlen würde ich dies freilich nicht, denn etwa der Tipp "Rauchen Sie", den ein Mann für das Buch äußerte, ist doch eher mit Vorsicht zugenießen. Viele interviewte Menschen machten sich lustvoll daran, aus ihrem Leben eine Bilanz, etwas allgemein Gültiges abzuleiten. Das ist teilweise klug und brauchbar, teilweise ironisch gebrochen und bewusst absurd.

Jeder wird in der Geschichtensammlung der Letzten Lieder etwas für sich finden. Es kann verstören, begeistern, oder sogar Ablehnung herbeiführen. Aber in erster Linie will das Buch nur eines: erzählen. Wie bereits erwähnt, handelt es sich um eine belletristische Annäherung an das Thema Sterben und ist daher nicht mit einem Sachbuch gleichzusetzen.


Warum schrieben die Menschen die Geschichten nicht selbst auf?

Dazu fehlte den meisten Menschen die Kraft, anderen der Wunsch. Ich wurde zu Gesprächen eingeladen und man wusste jeweils, dass ich ein Lied sammle und - in größter Freiheit - eine Geschichte dazu schreibe. Wer sein Leben selbst aufschreiben wollte, hat das hoffentlich getan. Die Basis dieser Geschichten liegt in den Begegnungen und im Dialog mit Sterbenden.


Kann man die Menschen anhand der Geschichten identifizieren?

Namen, Adressen, Geburtsdaten, persönliche Daten, genaue Krankheitsbeschreibungen werden nicht offen gelegt. Das entsprach auch dem Wunsch der meisten Gesprächspartnerinnnen und Gesprächspartner. Zudem wurden die Personen, soweit notwendig und sinnvoll, anonymisiert. Außerdem wurden Charaktere für das Buch geschaffen, die realen Menschen nachempfunden wurden.

 

Es war nie die Absicht des Projekts, Menschen bloß zu stellen, oder gegen ihren Willen Details aus dem Leben an die Öffentlichkeit zu tragen. Auch kann in anonymisierten Interviews weitaus offener über Lebensstationen gesprochen werden, als es etwa in öffentlichen Radiosendungen und Fernsehshows der Fall wäre. Vertrauen und Sicherheit sind für die Begegnungen mit Strebenden grundlegend. Die Interviewten erzählten ohne Mikrophon oder Kamera freier, offener, mutiger, ruhiger. Auch deshalb wurde der Schutz der Persönlichkeit garantiert.

 

In sehr wenigen Fällen war Presse bei den Interviews dabei. Nur diese Menschen sind im Projekt eindeutig identifizierbar.


Warum sind die Themen der Geschichten so unterschiedlich?

Weil Menschen unterschiedlich sind. Für die Gespräche gab es keinen Fragekatalog. Jeder Interviewte nahm seine Chance wahr, jene Themen zu setzen, die ihm wichtig waren, oder auf die er Lust hatte. Manchmal sind es ganze Biografien gewesen, dann Szenen und Episoden aus der Vergangenheit. Oder es ging explizit um das Sterben und die Zeit im Hospiz. Mancher wünschte sich Barockmusik, andere Klassik, der nächste Pop oder Punk – auch hier wurde der Freiheit keine Grenze gesetzt. Genau diese Vielfalt macht die Faszination des Projekts Letzte Lieder aus.


Wurde der Wahrheitsgehalt der in den Begegnungen erzählten Geschichten geprüft?

Jedem Interviewten wurde das Recht zugestanden, sein Leben so zu schildern, wie er oder sie es wollte. Jeder hat seine eigene Wahrheit und durfte frei seine Persönlichkeit darstellen und inszenieren. Fakten, Zahlen, Diagnosebeschreibungen, Krankheitsverläufe wurden bewusst nicht geprüft. Auch die Einzigartigkeit der Erlebnisse wird nicht garantiert - und Ähnlichkeiten mit noch lebenden Personen wären rein zufällig.

Die Gesprächspartner mussten sich nicht für das erzählte verantworten, sie durften erzählen, was sie erzählen wollten. Und ob es sich wirklich immer um ihre eigene Geschichte und ein eigenes Erlebnis handelte – wer weiß.... Jeder durfte sich darstellen, wie es ihm zutreffend erschien. Es wurden weder Wahrheit, Reue, noch Geständnisse eingefordert.


Versammelt das Buch Beerdigungslieder?

Auch. Aber vorwiegend wollten die Menschen Lieder und Geschichten nennen, die etwas mit ihrem Leben zu tun haben. Manchmal geht es auch um Lieder, die man sich nicht traut, auf der Beerdigung zu spielen, obwohl sie den Menschen gut beschreiben würden.


Geht es bei den Letzten Liedern überhaupt vorwiegend um Musik?

Musik ist bei den Letzten Liedern ein Medium, um über das Leben und Sterben zu sprechen. Im Gegensatz zu einem Wunschkonzert im Radio gehen die Gedanken bei den Letzten Liedern in die Tiefe und scheuen das Thema Sterben auch in seinen dunklen, bitteren Momenten nicht. Auch wird das Sterben nicht durch Musik harmonisiert oder verharmlost. Bei den Letzten Liedern ist eines immer klar: Alle Gedanken und Wünsche werden bei sterbenden Menschen in den letzten Wochen oder Tagen ihres Lebens im Hospiz aufgegriffen. Das Projekt sollte von Anfang an in ein Buchprojekt münden, das sich aufrichtig und wahrhaftig mit dem Sterben und den letzten Dingen auseinandersetzt; es war nie als unterhaltsames Wunschkonzert im Plauderton mit Show-Charakter angelegt.


Letzte Lieder – ist der Titel nicht auf alle Zeit durch Richard Strauß und seine „Vier Letzten Lieder“ besetzt?

Nein. Letzte Bücher, letzte Bilder, letzte Wünsche – all das ist nur die Überschrift für die Fülle unserer Lebensäußerungen.


Eine persönliche Frage: Wenn Sie eine CD ins Hospiz mitnehmen dürften, welche wäre das?

Eine schöne Frage, denn wir sind in Zeiten von MP3 und großen Datenträgern gar nicht mehr recht in der Lage, uns zu bescheiden. Aber gerade darum geht es vielleicht im Hospiz und in der Zeit des Abschieds: auswählen, was wichtig ist. Zugleich stellt sich die Frage, ob ich überhaupt noch Musik hören wollte. Wenn ja, dann würde ich gerne jene Barockmusik mitnehmen, die ich als Leitmotiv für die Konzertreihe der „... und die Welt steht still... Letzten Lieder“ auswählte:

 

Passacaglia della vita – in der Interpretation von „Tragicomedia“

Von der CD „Vanitas Vanitatum (Rome 1650)“

 

Oh come t'inganni

se pensi che gl'anni

non hann' da finire,

bisogna morire.

È un sogno la vita

che par sì gradita,

è breve gioire,

bisogna morire.

 

Non val medicina,

non giova la China,

non si può guarire,

bisogna morire.

Non vaglion sberate,

minarie, bravate

che caglia l'ardire,

bisogna morire.

 

 

Dottrina che giova,

 

parola non trova

 

Che plachi l'ardire,

 

bisogna morire.

 

 

 

Non si trova modo

 

di scoglier 'sto nodo,

 

non val il fuggire,

 

bisogna morire.

 

Commun'è statuto,

 

non vale l'astuto

 

'sto colpo schermire,

 

bisogna morire.

 

 

 

La morte crudele

 

a tutti è infedele,

 

ogn'uno svergogna,

 

morire bisogna.

 

È pur ò pazzia

 

o gran frenesia,

 

par dirsi menzogna,

 

morire bisogna.

 

Si more cantando,

 

si more sonando

 

la Cetra, o Sampogna,

 

morire bisogna.

 

Si muore danzando,

 

bevendo, mangiando;

 

con quella carogna

 

morire bisogna.

 

 

 

I Giovani, i putti

 

e gl'Huomini tutti

 

s'hann'a incenerire,

 

bisogna morire.

 

I sani, gl'infermi,

 

i bravi, gl'inermi

 

tutt'hann'a finire,

 

bisogna morire.

 

 

 

E quando che meno

 

ti pensi, nel seno

 

ti vien a finire,

 

bisogna morire.

 

Se tu non vi pensi

 

hai persi li sensi,

 

sei morto e puoi dire:

 

bisogna morire.

 

 

 

 

The Passacaglia of Life

 

Oh how wrong you are

 

to think that the years

 

will never end.

 

We must die.

 

 

 

Life is a dream,

 

that seams so sweet,

 

but joy is all too brief.

 

We must die.

 

Of no avail is medicine,

 

of no use is quinine,

 

we cannot be cured.

 

We must die.

 

 

Worthless are lamentations,

 

threats, bravado

 

produced by our courage.

 

We must die.

 

No learned doctrine

 

can find the words

 

to calm this boldness

 

We must die.

 

 

 

 

 

There is no means

 

to untie this knot,

 

it is useless to flee.

 

We must die.

 

It is the same for everyone,

 

a wily man cannot

 

shield himself from the blow,

 

We must die.

Cruel Death

 

is unfaithful to all,

 

and shames everyone.

 

Die we must.

 

And yet, o madness

 

o ravings,

 

it seems like lying to oneself.

 

Die we must.

 

 

 

We die singing,

 

we die playing

 

the cittern, the bagpipe, yet

 

die we must.

 

We die dancing,

 

drinking, eating;

 

with this carrion,

 

die we must.

 

 

 

Youths, children,

 

and all men

 

must end in dust.

 

We must die.

 

The healthy, the sick,

 

the brave, the defenceless,

 

must all make an end,

 

We must die.

 

 

 

And when you are least

 

thinking of it, in your breast,

 

all comes to an end,

 

We must die.

 

If you do not think of this,

 

you have lost your senses,

 

you are dead and you can say:

 

We must die.