Motivation

Darf man ein Musikprojekt realisieren, das sich dem Hospiz widmet, ja sogar im Hospiz und in anderen letzten Räumen entsteht?

Dass das Sterben zum Leben gehört und Leben bis zum Schluss bedeutet, ist eine sehr schlichte, aber deswegen nicht weniger wahre Botschaft. Trotzdem meiden manche Menschen die Auseinandersetzung mit dem Sterben, es macht ihnen Angst, sich mit dem Tod, dem Verlust des Lebens zu beschäftigen. Diese Angst oder die Vielzahl widersprüchlicher und existenzieller Gefühle wird kein Kunstprojekt, kein Buch, keine Musik der Welt nehmen können, dies zu meinen, wäre hochmütig und unangemessen.

Das Projekt entsteht aus der Überzeugung heraus, dass es hilfreich, ja sogar nötig ist, sich mit dem Sterben – dem eigenen und dem der Angehörigen – auseinanderzusetzen. Bewusst zu leben, dazu gehört vielleicht auch, dem Tod zu begegnen, mit ihm umzugehen, zu trauern, sich zu erinnern, zu klagen, zu wünschen, zu zweifeln, zu akzeptieren.

 

Das Projekt beschreibt eine spezielle Form der Erinnerungs- und Gesprächskultur.

Viele Menschen verknüpfen bestimmte Lebensphasen und Erlebnisse mit Musik. Mancher hat einen Soundtrack des Lebens zusammengetragen – darin bilden sich Glück, aber vielleicht auch Liebeskummer, Erfolg und sogar Verlust ab. Die Vielfalt ist schier unendlich. Wie das Leben und Sterben ist auch dieser Soundtrack immer individuell. Aber manchmal ist es auch ein Stück Zeitgeschichte, der man über die Lieder eines Menschenlebens begegnen kann. Letztlich stellen sich im gesamten Leben die Fragen: Was ist wirklich wichtig? Was ist wertvoll? Wie wollen wir leben?

 

Es sind kleine, fast alltägliche Betrachtungen über das Leben, die in diesem Projekt versammelt werden. Mancher Besucher der Aufführung kann sich in diesen Geschichten und Liedern vielleicht auch selbst entdecken und begegnen.

 

Das Projekt will ein wenig dazu beitragen, die Scheu vor dem Umgang mit sterbenden Menschen und Hospizen zu nehmen. Dabei soll der Tod nicht verharmlost, die Sterbephase nicht romantisiert oder inszeniert werden.

Mancher, so machten die Gespräche in den beiden beteiligten Hospizen deutlich, sieht sich durch die Aufnahme im Hospiz isoliert: „Das Umfeld hat sich weitgehend zurückgezogen, weil sie fürchten, nur noch zu stören, dabei wünsche ich mir Besuch“, sagte eine Patientin im Hospiz. Sterben kann Ausgrenzung zu Lebzeiten bedeuten. „Ich lebe doch noch. Aber man scheint nur noch auf den Anruf zu warten, dass es vorbei ist“, sagte ein anderer Patient. Wie verhält man sich also richtig? Ein Patentrezept gibt es nicht, Antworten sind, sofern sie überhaupt befriedigend gefunden werden, immer individuell und vielleicht nie vollständig. Aber trotzdem ist es sinnvoll, redlich und geradezu unausweichlich, sich den Fragen des Todes zu stellen.

 

Das Projekt ist eine Dokumentation mit vielen Schattierungen und Facetten: In Hospizen klingt Musik, es wird geweint und gelacht, gegessen und geredet, geschwiegen, fern gesehen, gebetet, getrauert – das sind sehr schlichte Erkenntnisse und eigentlich keine Sensationen – entsprechend wird auf Effekte und Verstärkungen bei der Aufführung verzichtet. Auch dass Hospize das gesamte Leben abbilden, mag keine neue Erkenntnis sein, aber trotzdem machen diese Häuser und damit auch die Schicksale der Patienten und Besucher im Hospiz vielen Menschen große Furcht.

"und die Welt steht still" öffnet an diesem Abend eine Tür zu einem offeneren Umgang mit dem Leben zum Hospiz und zu Menschen in der letzten Lebensphase.

 

Das oft vermutete Redetabu, das über dem Sterben und Tod zu liegen scheint, lässt sich angesichts der Häufigkeit medialer Berichterstattung nicht belegen, vielmehr ist durchaus ein hohes Interesse an diesen Themen gegeben. Aber auch wenn das Darüber-Reden kein Tabu ist, so fehlen doch mitunter die Worte. Musik kann ein Medium sein, auch wortlos Gefühle zu teilen und sie kann eine Brücke bilden, die zur Auseinandersetzung mit den existenziellen Fragen des Lebens führt.

Bei den Gesprächen, die für das Kunstprojekt im Hospiz geführt werden, schafft der Austausch über die Musik des Lebens eine Auseinandersetzung mit der Frage nach den Dingen, die das Leben (auch in der letzten Lebensphase) wertvoll machen.