Stille

Stefan Weiller: "Manche Menschen luden mich zum Gespräch über die Musik ihres Lebens ein - und wollten dann doch lieber über ganz andere Dinge erzählen. Diese Geschichten werden im Laufe der Zeit hier zusammengetragen."


Begegnung im Hospiz in Wiesbaden

Das Zimmer: Wenige persönliche Gegenstände sind im Zimmer auszumachen. Der Bewohnerin reicht die Ausstattung, die das Hospiz bereitstellt. Es wird kein langes Gespräch. Die Frau setzt sich auf die Bettkante und schüttelt den Kopf, bevor sie spricht:

Ich finde einfach nichts. Es gibt keine Musik, die mir so wichtig wäre, dass ich sie mir wünschen würde, geschweige denn, dass sie eine Lebensstation beschreiben könnte. Dabei war ich viel in der Oper und im Konzert. Mit dieser Krankheit ändert sich das Gefühl, die Wahrnehmung von Musik: Höre ich Tschaikowskys 3. Symphonie über Kopfhörer, dann versetzen schon die ersten Takte meinen Körper in so ungünstige Schwingungen, dass ich auf die Toilette muss. Wagner – mein Gott, davon kriege ich jetzt sogar Husten. Liszt: wie Ameisen unter der Haut. Eigentlich ist das ja fast schon kurios. Stellen Sie sich vor, alle bekämen von Wagner Husten? Und das im Jubiläumsjahr. Am liebsten mag ich Stille. Einfach Stille. Oder Alltagsgeräusche.

 

Spätsommer 2013